Bertolt Brecht, 1937: über die Bezeichnung Emigranten

Ich würde ja einen Erklärungsversuch wagen in Bezug auf die aktuelle Lage Deutschlands, die Flüchtlingsdebatte, Rassismus etc etc etc. Aber da ich weiß, dass jeder mit einem offenen Willen und Herzen verstehen wird, und jeder andere eben nicht, schweige ich, und lass Bertolt Brechts Worte lieber für sich sprechen…

 

Über die Bezeichnung Emigranten (1937)

Immer fand ich den Namen falsch, den man uns gab:
Emigranten.
Das heißt doch Auswandrer. Aber wir
Wanderten doch nicht aus, nach freiem Entschluss
Wählend ein andres Land. Wanderten wir doch auch nicht
Ein in ein Land, dort zu bleiben, womöglich für immer
Sondern wir flohen. Vertriebene sind wir, Verbannte.
Und kein Heim, ein Exil soll das Land sein, das uns da
aufnahm

Unruhig sitzen wir so, möglichst nahe den Grenzen
Wartend des Tags der Rückkehr, jede kleinste Veränderung
Jenseits der Grenze beobachtend, jeden Ankömmling
Eifrig befragend, nichts vergessend und nichts aufgebend
Und auch verzeihend nichts, was geschah, nichts verzeihend.
Ach, die Stille der Sunde täuscht uns nicht! Wir hören die
Schreie

Aus ihren Lagern bis hierher. Sind wir doch selber
Fast wie Gerüchte von Untaten, die da entkamen
Über die Grenzen. Jeder von uns
Der mit zerrissenen Schuhn durch die Menge geht
Zeugt von der Schande, die jetzt unser Land befleckt.
Aber keiner von uns
Wird hier bleiben. Das letzte Wort
Ist noch nicht gesprochen.

 

Quelle:

https://deutschelyrik.de/index.php/ueber-die-bezeichnung-emigranten.html

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